Wir haben uns daran gewöhnt, dass es das eine Allzweck-LLM nicht gibt.
Gemini von Google glänzt mit Präzision selbst bei riesigen Dokumenten, verblüfft immer wieder mit seinen Schlussfolgerungen und seinem Aktualitätsbezug – ist aber nach wie vor so wortgewandt wie ein soziophober Nerd. ChatGPT wirkt manchmal recht oberflächlich und lässt gerne Fünfe gerade sein, ist dafür ein Tausendsassa und hervorragend im Strukturieren. Claude wiederum ist eloquent, ein Ethiker und ein brillanter Programmierer – und nervt, wenn er erst in drei Stunden wieder mit einem reden will. Und Grok? Grok ist der, der an der Party Dinge sagt, für die sich alle anderen fremdschämen – und dabei vergisst man glatt, dass er eigentlich was kann.
Jetzt wird dieses Gefüge zünftig durcheinandergerüttelt. Anthropic hat sein nach allen Regeln der PR-Kunst gehyptes Superpower-Modell «Mythos» soeben in einer mit zusätzlichen Sicherheitsschranken versehenen Variante unter dem Namen «Fable» für alle freigegeben.
Es ist das Modell, mit dem Firefox in einem Monat mehr Sicherheitslücken entdeckt und gestopft hat als in den zwei Jahren zuvor.
Ein Modell, das seinem Hersteller selbst nicht geheuer war
Die Geschichte hinter Fable ist ungewöhnlicher als jeder bisherige KI-Launch. Im April stellte Anthropic «Mythos» vor – und erklärte gleich dazu, das Modell sei zu mächtig, um es einfach freizugeben. Zu gut im Aufspüren von Sicherheitslücken, zu versiert in Biologie und Chemie. Statt eines breiten Rollouts gab es «Project Glasswing»: Ein ausgewählter Kreis von Partnern – darunter Mozilla, Cloudflare, Microsoft und Oracle – durfte Mythos auf die eigene Software loslassen.
Das Resultat: über 10’000 gemeldete kritische Schwachstellen in wenigen Wochen. Und eine Anekdote, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Einige Open-Source-Maintainer baten Anthropic, die Offenlegungen zu verlangsamen. Nicht, weil die Funde falsch waren – sondern weil sie mit dem Patchen schlicht nicht mehr nachkamen.
Absichtlich dümmer, damit alle damit arbeiten dürfen
Fable ist nun exakt dasselbe Modell wie Mythos – aber mit eingebauten Bremsen. Erkennt Fable eine Anfrage aus den Bereichen offensive Cybersecurity oder Biologie, leitet es die Antwort automatisch an das schwächere Vorgängermodell Opus weiter. Der Effekt ist messbar: In Anthropics eigenem Angriffstest sank die Erfolgsrate automatisierter Attacken von 56,6 Prozent beim Vorgänger auf 5,4 Prozent bei Fable.
Man halte kurz inne: Ein Hersteller macht sein bestes Produkt absichtlich schlechter, um es verkaufen zu dürfen. Das gab es in der KI-Branche noch nie – und es sagt mehr über den Stand der Technologie aus als jede Benchmark-Tabelle.
Wobei die Benchmarks durchaus für sich sprechen. Beim agentischen Programmieren (SWE-Bench Pro) erreicht Fable 80,3 Prozent, GPT-5.5 kommt auf 58,6. Bei den schwierigsten Coding-Aufgaben (FrontierCode Diamond) liegt der Abstand bei Faktor fünf. Für den Alltag heisst das: Fable ist auf langlaufende, komplexe Arbeit ausgelegt – grosse Code-Migrationen, tiefe Analysen, tagelange Agenten-Workflows. Kein Plaudermodell, sondern ein Arbeitstier.
Der Preis der Superkraft
Günstig ist das nicht. Über die API kostet Fable das Doppelte des bisherigen Spitzenmodells. In den bezahlten Abos ist es nur bis zum 22. Juni inklusive, danach braucht es vorerst zusätzliche Nutzungsguthaben – Anthropic fehlt schlicht die Rechenkapazität, um das Modell allen dauerhaft zu geben.
Und für Schweizer Unternehmen gibt es einen Haken, den die internationale Berichterstattung weitgehend übersieht: Fable verlangt zwingend eine 30-tägige Datenaufbewahrung – auf US-Servern. Die sonst verfügbare Option, dass Anthropic gar keine Daten speichert, gibt es für Fable nicht. Wer mit DSG- oder DSGVO-sensiblen Daten arbeitet, muss den Umweg über regionale Cloud-Deployments bei AWS, Google oder Microsoft nehmen. Vor dem Einsatz in heiklen Projekten gehört dieser Punkt also zwingend auf die Checkliste.
Wenn die KI schneller findet, als der Mensch flicken kann
Bleibt die eigentliche Frage, die dieser Launch aufwirft. Die überforderten Maintainer sind kein Randdetail, sondern ein Vorgeschmack: Wir treten in eine Phase ein, in der KI Probleme schneller identifiziert, als menschliche Organisationen sie verarbeiten können. Das gilt heute für Sicherheitslücken – und morgen für vieles andere.
Anthropic hat darauf eine Antwort gefunden, die man respektieren kann, auch wenn sie unbequem ist: Tempo rausnehmen, Schranken einbauen, Fähigkeiten dosiert freigeben. Ob die Kundschaft diesen Kompromiss aus Superkraft und angezogener Handbremse honoriert, wird sich zeigen. Der Mythos jedenfalls ist jetzt eine Fabel. Und anders als bei Äsop ist an dieser hier alles wahr.
